ESG-Kriterien im Einkauf: Warum nachhaltige Beschaffung zur Pflicht wird

 

ESG-Kriterien im Einkauf: Warum nachhaltige Beschaffung zur Pflicht wird

Einleitung & Hintergrund

ESG-Kriterien im Einkauf sind längst kein Randthema mehr. Was früher unter „freiwilliger Nachhaltigkeit“ lief, landet heute auf Vorstandstischen, in Lieferantenbewertungen und zunehmend auch in Ausschreibungen. Einkaufsteams stehen dabei an einer spannenden, manchmal unbequemen Schnittstelle. Sie übersetzen abstrakte ESG-Ziele in konkrete Entscheidungen über Preise, Lieferanten und Verträge.

Der Begriff ESG steht für Environmental, Social und Governance. Also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Ursprünglich stammt das Konzept aus der Finanzwelt, wo Investoren Unternehmen nach diesen Kriterien bewerten. Inzwischen hat sich der Fokus verschoben. Die Lieferkette rückt in den Mittelpunkt, und damit der Einkauf.

Spätestens mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und der kommenden EU-Richtlinie zur Corporate Sustainability Due Diligence ist klar: ESG im Einkauf ist keine Kür mehr. Es ist ein Arbeitsauftrag.

Was ESG-Kriterien im Einkauf konkret bedeuten

Umwelt (Environmental)

Im Einkauf geht es hier um Fragen wie:

  • Wie hoch sind die CO₂-Emissionen eines Lieferanten?

  • Werden Ressourcen effizient genutzt?

  • Gibt es Umweltzertifizierungen wie ISO 14001 oder EMAS?

Praxisbeispiel: Zwei Lieferanten bieten vergleichbare Bauteile an. Der eine produziert in Europa mit Ökostrom, der andere in Asien mit Kohleenergie. Der Preisunterschied ist gering. ESG-Kriterien im Einkauf machen die Entscheidung klarer, auch wenn sie nicht immer einfacher machen.

Soziales (Social)

Hier wird es oft komplexer, weil Transparenz fehlt:

  • Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette

  • Kinder- und Zwangsarbeit

  • Arbeitssicherheit und faire Löhne

Typische Situation aus dem Alltag: Ein bewährter Lieferant liefert zuverlässig und günstig. Bei einer Selbstauskunft tauchen jedoch Hinweise auf Subunternehmer in Hochrisikoländern auf. Wegsehen ist keine Option mehr. Der Einkauf muss nachfragen, dokumentieren und im Zweifel handeln.

Unternehmensführung (Governance)

Governance klingt sperrig, ist aber im Einkauf sehr praktisch:

  • Gibt es Compliance-Richtlinien?

  • Wie wird mit Korruption umgegangen?

  • Sind Entscheidungswege transparent?

Ein Lieferant ohne klare Compliance-Strukturen kann schnell zum Risiko werden, besonders bei öffentlichen Ausschreibungen oder regulierten Branchen.

Warum ESG-Kriterien im Einkauf immer wichtiger werden

Regulierung zieht an

Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Richtung. Laut EU-Kommission betreffen die neuen Sorgfaltspflichten direkt oder indirekt zehntausende Unternehmen in Europa. Große Unternehmen müssen bereits berichten, mittelständische folgen schrittweise.

Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gilt aktuell für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden. Doch kleinere Firmen spüren die Wirkung indirekt, weil sie als Zulieferer gefragt werden. ESG-Kriterien im Einkauf wandern damit die Lieferkette hinunter.

Wirtschaftlicher Druck und Erwartungen

Studien zeigen, dass über 70 Prozent der B2B-Kunden Nachhaltigkeitskriterien bei der Lieferantenauswahl berücksichtigen. Gleichzeitig steigen Rohstoffpreise und Margendruck. Der Einkauf steht zwischen Kostenoptimierung und ESG-Anforderungen.

Zwischenfazit: ESG ist kein Gegensatz zu wirtschaftlichem Denken, aber es zwingt zu anderen Prioritäten.

ESG-Kriterien im Einkauf praktisch umsetzen

Schritt 1: Relevanz definieren

Nicht jedes Unternehmen muss alle ESG-Themen gleich stark gewichten. Ein Maschinenbauer hat andere Schwerpunkte als ein Lebensmittelhersteller. Wichtig ist, die wesentlichen Risiken zu identifizieren.

Typische Fragen:

  • Wo liegen die größten Umwelteinflüsse?

  • In welchen Ländern sitzen kritische Lieferanten?

  • Welche Themen erwarten Kunden konkret?

Schritt 2: Lieferanten bewerten

Viele Unternehmen starten mit einfachen Selbstauskünften. Das ist kein Allheilmittel, aber ein Anfang.

Erprobte Instrumente:

  • ESG-Fragebögen

  • Lieferantencodex

  • Risiko-Scoring nach Ländern und Warengruppen

Wichtig: Nicht alles auf einmal verlangen. Gerade kleinere Lieferanten brauchen Zeit und Unterstützung.

Schritt 3: ESG in Prozesse integrieren

ESG-Kriterien im Einkauf wirken nur dann, wenn sie Teil der täglichen Arbeit werden:

  • Berücksichtigung bei Ausschreibungen

  • ESG als Bewertungskriterium neben Preis und Qualität

  • Regelmäßige Reviews statt einmaliger Abfragen

Hier zeigt sich oft ein Kulturthema. Einkaufsteams müssen lernen, unangenehme Fragen zu stellen, auch bei langjährigen Partnern.

Typische Herausforderungen im Alltag

Zielkonflikte zwischen Preis und ESG

Ein Klassiker. Der nachhaltigere Lieferant ist teurer. Die Fachabteilung drängt auf Einsparungen. Der Einkauf sitzt dazwischen.

In der Praxis hilft Transparenz. Wenn klar ist, welche ESG-Risiken ein günstiger Anbieter mitbringt, lassen sich Entscheidungen besser begründen.

Datenqualität und Vergleichbarkeit

CO₂-Zahlen, Sozialstandards, Zertifikate. Oft sind die Daten unvollständig oder schwer vergleichbar. Perfektion ist hier unrealistisch. Wichtig ist, mit plausiblen Annahmen zu arbeiten und Fortschritte zu dokumentieren.

Akzeptanz im Unternehmen

ESG im Einkauf funktioniert nicht im Alleingang. Ohne Rückhalt von Geschäftsführung und Fachbereichen bleibt es ein Papierthema. Erfolgreiche Unternehmen binden ESG-Ziele in übergeordnete Strategien ein.

Persönliche Einschätzung aus der Praxis

ESG-Kriterien im Einkauf werden oft als zusätzliche Last wahrgenommen. Ein weiterer Fragebogen, eine weitere Bewertung, mehr Abstimmung. Das Gefühl ist nachvollziehbar.

Gleichzeitig erlebe ich, dass strukturierte ESG-Prozesse langfristig Klarheit schaffen. Lieferantenbeziehungen werden transparenter, Risiken früher sichtbar. Nicht jede Entscheidung wird dadurch leichter, aber sie wird besser begründbar.

Was nicht funktioniert: ESG als reines Häkchenthema. Wer nur Formulare sammelt, ohne Konsequenzen zu ziehen, verliert Glaubwürdigkeit.

Zahlen & Fakten zur Einordnung

  • Rund 60 Prozent der CO₂-Emissionen produzierender Unternehmen entstehen in der Lieferkette (Scope 3).

  • Laut EU-Kommission haben weniger als 30 Prozent der Unternehmen aktuell vollständige Transparenz über ihre Lieferanten der zweiten Ebene.

  • Studien zeigen, dass Unternehmen mit integrierten ESG-Prozessen langfristig geringere Lieferausfälle und Reputationsrisiken haben.

Diese Zahlen erklären, warum der Einkauf zunehmend im Fokus steht.

FAQ: Häufige Fragen zu ESG-Kriterien im Einkauf

Was sind ESG-Kriterien im Einkauf einfach erklärt?

ESG-Kriterien im Einkauf bewerten Lieferanten nicht nur nach Preis und Qualität, sondern auch nach Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten.

Müssen auch kleine Unternehmen ESG im Einkauf umsetzen?

Rechtlich oft noch nicht direkt. Praktisch aber ja, weil Kunden und Auftraggeber entsprechende Nachweise verlangen.

Wie starte ich mit ESG im Einkauf ohne großes Budget?

Mit einer Risikoanalyse und einfachen Lieferantenfragebögen. Wichtig ist ein klarer Fokus auf die größten Hebel.

Wie gehe ich mit Lieferanten um, die ESG-Anforderungen nicht erfüllen?

Nicht sofort kündigen. Besser ist ein Stufenmodell: Transparenz schaffen, Verbesserungen vereinbaren, Fristen setzen.

Welche Rolle spielt Digitalisierung bei ESG im Einkauf?

Eine große. Digitale Tools helfen bei Datensammlung, Bewertung und Monitoring. Ohne IT-Unterstützung wird ESG schnell unübersichtlich.

Sind Zertifikate ausreichend für die ESG-Bewertung?

Sie sind hilfreich, aber kein Ersatz für eigene Prüfungen. Zertifikate zeigen Standards, sagen aber wenig über die konkrete Umsetzung.

Fazit: ESG-Kriterien im Einkauf als Realität akzeptieren

ESG-Kriterien im Einkauf sind gekommen, um zu bleiben. Sie verändern die Rolle des Einkaufs nachhaltig. Weg vom reinen Kostenoptimierer, hin zum Risikomanager und Mitgestalter der Unternehmensstrategie.

Wer früh anfängt, kann Prozesse gestalten, statt nur zu reagieren. Wer wartet, wird von Anforderungen überrascht. Meine persönliche Einschätzung: Nicht alles muss perfekt sein, aber nichts zu tun ist keine Option mehr.

Für weiterführende Themen lohnt sich ein Blick auf verwandte Artikel wie Lieferantenbewertung im Mittelstand oder Nachhaltige Beschaffung strategisch aufbauen.


Meta-Beschreibung:
ESG-Kriterien im Einkauf verstehen: Praxisnahe Beispiele, aktuelle Zahlen, Herausforderungen und konkrete Tipps zur nachhaltigen Beschaffung.

Labels/Tags:
ESG, Einkauf, nachhaltige Beschaffung, Lieferkette, Compliance, CSR, Lieferantenmanagement, Nachhaltigkeit, Governance

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