Lieferkettensorgfaltspflicht: Was Unternehmen jetzt wirklich beachten müssen

 

Lieferkettensorgfaltspflicht: Was Unternehmen jetzt wirklich beachten müssen

Einleitung & Hintergrund

Die Lieferkettensorgfaltspflicht ist längst kein Randthema mehr. Was früher vor allem NGOs, Auditoren oder CSR-Abteilungen beschäftigt hat, landet heute auf den Schreibtischen von Geschäftsführern, Einkäufern und Compliance-Verantwortlichen. Grund dafür ist eine Mischung aus politischem Druck, gesellschaftlichen Erwartungen und handfesten rechtlichen Vorgaben.

Mit dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, kurz LkSG, ist das Thema 2023 verbindlich geworden. Parallel arbeitet die EU an der Corporate Sustainability Due Diligence Directive, die den Rahmen weiter verschärft und vereinheitlicht. Die Entwicklung folgt einer klaren Logik: Globale Lieferketten sind komplex, intransparent und anfällig für Menschenrechtsverletzungen und Umweltprobleme. Wer davon profitiert, soll Verantwortung übernehmen.

Für viele Unternehmen fühlt sich das wie ein Kulturwechsel an. Weg vom reinen Einkaufspreis, hin zu Fragen wie: Woher kommt das Produkt wirklich? Unter welchen Bedingungen wurde es hergestellt? Und wie weit reicht meine Verantwortung?

Was bedeutet Lieferkettensorgfaltspflicht konkret?

Die Lieferkettensorgfaltspflicht verpflichtet Unternehmen dazu, menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken in ihrer Lieferkette zu identifizieren, zu bewerten und zu minimieren. Das betrifft nicht nur direkte Lieferanten, sondern auch mittelbare Zulieferer, zumindest dann, wenn konkrete Hinweise auf Risiken vorliegen.

Im Alltag heißt das unter anderem:

  • Risikoanalysen durchführen

  • Präventions- und Abhilfemaßnahmen definieren

  • Beschwerdemechanismen einrichten

  • Dokumentation und Berichterstattung sicherstellen

Das klingt abstrakt, wird aber schnell sehr praktisch, sobald man sich typische Situationen ansieht.

Praxisnahe Beispiele aus dem Unternehmensalltag

Beispiel 1: Der Einkauf in Asien

Ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen bezieht Gussteile aus Südostasien. Bisher lief alles über einen langjährigen Handelspartner. Mit Blick auf die Lieferkettensorgfaltspflicht stellt sich plötzlich die Frage: Wer produziert eigentlich die Teile? Gibt es Unterauftragnehmer? Wie sind die Arbeitszeiten geregelt?

Die Antwort ist selten schwarz oder weiß. Oft fehlen belastbare Informationen. Genau hier beginnt die Sorgfaltspflicht. Nicht mit sofortigen Vertragskündigungen, sondern mit strukturierten Fragen, Selbstauskünften und klaren Erwartungen.

Beispiel 2: Textilien aus der EU

Ein verbreiteter Irrtum: Innerhalb der EU sei man automatisch auf der sicheren Seite. Doch auch hier gibt es Risiken, etwa bei Leiharbeit, Subunternehmerketten oder fehlendem Arbeitsschutz. Die Lieferkettensorgfaltspflicht verlangt keine Pauschalannahmen, sondern eine differenzierte Betrachtung.

Beispiel 3: Rohstoffe und Vorprodukte

Besonders herausfordernd sind Rohstoffe wie Kobalt, Naturkautschuk oder Agrarprodukte. Die Lieferketten sind lang, oft fragmentiert und geografisch schwer nachvollziehbar. Unternehmen stehen hier vor der Aufgabe, Prioritäten zu setzen und ihre Einflussmöglichkeiten realistisch einzuschätzen.

Zwischenfazit

Lieferkettensorgfaltspflicht ist weniger ein Kontrollinstrument und mehr ein Prozess. Wer versucht, alles auf einmal zu lösen, scheitert meist. Wer strukturiert vorgeht, gewinnt Schritt für Schritt Transparenz.

Zahlen & Fakten zur Lieferkettensorgfaltspflicht

Ein paar nüchterne Zahlen helfen, das Thema einzuordnen:

  • In Deutschland betrifft das LkSG seit 2024 Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten.

  • Laut EU-Kommission sollen durch die geplante EU-Richtlinie rund 13.000 Unternehmen europaweit direkt verpflichtet werden.

  • Studien zeigen, dass über 70 Prozent der befragten Unternehmen ihre Lieferkettentransparenz als unzureichend einschätzen.

  • Gleichzeitig geben viele an, dass der Aufwand für die erstmalige Risikoanalyse höher ist als der laufende Betrieb.

Diese Zahlen zeigen zwei Dinge: Der Handlungsdruck ist real, und der größte Aufwand liegt meist am Anfang.

Typische Stolpersteine bei der Umsetzung

Zu viel auf einmal wollen

Ein häufiger Fehler ist der Versuch, die gesamte Lieferkette lückenlos zu kartieren. Das ist weder realistisch noch erforderlich. Die Gesetze verlangen eine risikobasierte Herangehensweise.

Lieferanten mit Fragebögen überfluten

Fragebögen sind wichtig, aber sie ersetzen kein echtes Verständnis. Viele Lieferanten füllen sie routiniert aus, ohne dass sich an den tatsächlichen Bedingungen etwas ändert.

Verantwortung delegieren und abhaken

Lieferkettensorgfaltspflicht ist keine reine Compliance-Aufgabe. Einkauf, Qualitätssicherung, Nachhaltigkeit und Management müssen zusammenarbeiten. Sonst bleibt das Thema isoliert.

Persönliche Einschätzung aus der Praxis

Aus meiner Sicht ist die Lieferkettensorgfaltspflicht weder der Untergang des Mittelstands noch ein Allheilmittel. Sie zwingt Unternehmen dazu, genauer hinzuschauen und unbequeme Fragen zu stellen. Das kostet Zeit und Geld, keine Frage.

Gleichzeitig erlebe ich, dass Unternehmen, die sich ernsthaft damit beschäftigen, langfristig profitieren. Sie kennen ihre Lieferanten besser, erkennen Risiken früher und sind weniger abhängig von einzelnen Bezugsquellen. Die Pflicht wird dann zur Strukturhilfe.

Lieferkettensorgfaltspflicht und bestehende Prozesse

Viele Unternehmen unterschätzen, wie viel bereits vorhanden ist. Qualitätsaudits, Lieferantenbewertungen oder Code-of-Conduct-Regelungen lassen sich oft weiterentwickeln, statt neu zu erfinden.

Wer sich bereits mit Themen wie Nachhaltigkeitsberichterstattung oder ESG-Kriterien beschäftigt hat, kann darauf aufbauen. Ein Blick in verwandte Themen lohnt sich, etwa in unseren Artikel zur Nachhaltigkeitsberichterstattung im Mittelstand oder zur Risikobewertung in globalen Lieferketten.

FAQ zur Lieferkettensorgfaltspflicht

Was ist der Unterschied zwischen direktem und mittelbarem Lieferanten?

Direkte Lieferanten stehen in unmittelbarer Vertragsbeziehung zum Unternehmen. Mittelbare Lieferanten sind vorgelagerte Akteure. Für letztere gilt die Sorgfaltspflicht vor allem bei konkreten Hinweisen auf Risiken.

Muss ich Lieferanten kündigen, wenn Risiken festgestellt werden?

Nein. Ziel ist es, Risiken zu minimieren, nicht Geschäftsbeziehungen reflexartig zu beenden. Kündigungen sind nur das letzte Mittel, wenn keine Verbesserung möglich ist.

Wie detailliert muss die Risikoanalyse sein?

So detailliert wie nötig und so pragmatisch wie möglich. Eine grobe Einstufung nach Ländern, Branchen und Produktgruppen ist ein üblicher Einstieg.

Gilt die Lieferkettensorgfaltspflicht auch für KMU?

Direkt betroffen sind aktuell vor allem größere Unternehmen. Mittelbar spüren KMU die Anforderungen jedoch oft über ihre Kunden, etwa durch Fragebögen oder Vertragsklauseln.

Welche Strafen drohen bei Verstößen?

In Deutschland können Bußgelder und der Ausschluss von öffentlichen Aufträgen drohen. Noch wichtiger ist jedoch der Reputationsschaden, der oft schwerer wiegt als finanzielle Sanktionen.

Wie kann ich intern Akzeptanz schaffen?

Transparenz hilft. Wenn Mitarbeitende verstehen, warum bestimmte Fragen gestellt werden und wie sie den Arbeitsalltag erleichtern können, steigt die Bereitschaft zur Mitarbeit.

Fazit: Lieferkettensorgfaltspflicht als Lernprozess

Die Lieferkettensorgfaltspflicht ist gekommen, um zu bleiben. Sie fordert Unternehmen heraus, ihre Lieferketten nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Verantwortungskette zu verstehen.

Wer das Thema pragmatisch angeht, Risiken priorisiert und interne Prozesse nutzt, wird feststellen, dass der Aufwand beherrschbar ist. Perfektion ist nicht das Ziel. Glaubwürdigkeit und kontinuierliche Verbesserung schon.

Am Ende geht es weniger um Paragrafen und mehr um Haltung. Und die lässt sich nicht verordnen, aber gut entwickeln.


Meta-Beschreibung:
Lieferkettensorgfaltspflicht verständlich erklärt. Praxisbeispiele, Pflichten, typische Fehler und Tipps zur Umsetzung für Unternehmen.

Labels/Tags:
Lieferkettensorgfaltspflicht, LkSG, Lieferkette, Nachhaltigkeit, Compliance, ESG, Risikomanagement, Menschenrechte

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Klimapolitik in Deutschland: Akteure, Umsetzung und praktische Handlungstipps

11 Gründe warum die Weltmeere für das Klima so wichtig sind

Regenwald: Ein umfassender Reiseführer zu verborgenen Schätzen und einzigartigen Erlebnissen