Klimakleber, Klimaaktivisten und Lützerath: Gestern, heute, morgen einer Bewegung im Wandel
Klimakleber, Klimaaktivisten und Lützerath: Gestern, heute, morgen einer Bewegung im Wandel
Wie aus einem Braunkohledorf im Rheinischen Revier ein Symbol wurde – und wie sich der Klimaprotest in Deutschland seither verändert hat.
Kaum ein Ort steht so sehr für die Zuspitzung des Klimaprotests in Deutschland wie Lützerath. Das kleine Dorf am Rand des Tagebaus Garzweiler II wurde binnen weniger Jahre vom unbekannten Weiler zum Schauplatz einer der größten Protestaktionen der jüngeren deutschen Geschichte. Gleichzeitig sorgten sogenannte Klimakleber mit Sitzblockaden auf Autobahnen und Flughäfen bundesweit für Schlagzeilen, Gerichtsverfahren und hitzige gesellschaftliche Debatten. Dieser Artikel ordnet ein: Was ist gestern passiert, wo steht die Bewegung heute, und wohin könnte sich der Protest morgen entwickeln?
Inhaltsübersicht
- Gestern: Von Fridays for Future zur Straßenblockade
- Lützerath: Die Räumung eines Dorfes
- Reaktionen, Gerichte und gesellschaftliche Debatte
- Heute: Der Umbau der Bewegung
- Morgen: Offene Fragen und Ausblick
- Häufig gestellte Fragen
Gestern: Von Fridays for Future zur Straßenblockade
Der deutsche Klimaprotest der 2020er-Jahre hat mehrere Wurzeln. Fridays for Future brachte ab 2019 vor allem junge Menschen auf die Straße und machte den Klimawandel zu einem Thema, das wöchentlich in den Nachrichten auftauchte. Aus diesem Umfeld entstand Anfang 2022 eine neue, deutlich radikalere Gruppierung: die Letzte Generation. Der Name geht auf die Überzeugung der Gründungsmitglieder zurück, die letzte Generation zu sein, die eine globale Klimakatastrophe noch verhindern kann.
Statt auf Demonstrationen setzte die Gruppe von Beginn an auf zivilen Ungehorsam: Aktivisten klebten sich mit den Händen auf Fahrbahnen fest, blockierten Autobahnzufahrten und Flughafen-Rollfelder. Der Begriff „Klimakleber" wurde schnell zum festen Bestandteil des deutschen Wortschatzes – und zugleich zu einem Kampfbegriff, den Kritiker abwertend, Unterstützer der Bewegung dagegen eher pragmatisch verwendeten.
Die Reaktionen fielen von Anfang an gespalten aus. Für die einen war ziviler Ungehorsam ein legitimes, historisch bewährtes Mittel, um auf eine als unzureichend empfundene Klimapolitik aufmerksam zu machen. Für andere – darunter Pendler, Rettungsdienste und ein großer Teil der Öffentlichkeit – waren die Blockaden vor allem eine Zumutung, die im Zweifel sogar Menschenleben gefährdete, etwa wenn Rettungswagen im Stau standen.
Lützerath: Die Räumung eines Dorfes
Während die Klimakleber-Proteste vor allem in Großstädten stattfanden, entwickelte sich am Rand des Rheinischen Braunkohlereviers ein zweiter Brennpunkt: Lützerath. Der Energiekonzern RWE wollte das Dorf abbaggern, um die darunterliegende Braunkohle zu fördern. Bereits Jahre zuvor hatten Aktivisten das verlassene Dorf besetzt, Baumhäuser errichtet und ein dauerhaftes Protestcamp aufgebaut.
Im Oktober 2022 einigten sich die nordrhein-westfälische Landesregierung und RWE auf einen Kompromiss: Der Kohleausstieg im rheinischen Revier wurde auf 2030 vorgezogen, im Gegenzug sollte Lützerath doch noch weichen. Für einen Teil der Umweltbewegung war das ein schwer erträglicher Widerspruch – ein früherer Kohleausstieg bei gleichzeitiger Zerstörung eines weiteren Dorfes. Für die Landesregierung und RWE war es dagegen ein tragfähiger Ausgleich zwischen Versorgungssicherheit und Klimaschutz, gerade angesichts der Energiekrise nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Die eigentliche Räumung begann Anfang Januar 2023 und zog sich über mehrere Wochen hin. Tausende Polizeikräfte rückten an, um das Gelände zu sichern, während Tausende Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Deutschland und dem Ausland anreisten, um sich den Baggern entgegenzustellen. Es kam zu Rangeleien, zu vorübergehenden Festnahmen und zu Vorwürfen unverhältnismäßiger Polizeigewalt auf der einen sowie Vorwürfen gewalttätigen Widerstands auf der anderen Seite – beide Seiten warfen sich gegenseitig Eskalation vor, eine unabhängige Gesamtbewertung dieser Vorwürfe steht bis heute aus. Mitte Januar 2023 war die Räumung abgeschlossen, kurz darauf wurde das Dorf abgebaggert.
Reaktionen, Gerichte und gesellschaftliche Debatte
Lützerath und die Klimakleber-Proteste lösten eine der intensivsten gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre aus. Einige Kernfragen tauchten dabei immer wieder auf:
War ziviler Ungehorsam gerechtfertigt?
Befürworter verwiesen auf historische Vorbilder wie die Bürgerrechtsbewegung und argumentierten, dass angesichts der Dringlichkeit der Klimakrise auch unbequeme Protestformen legitim seien. Kritiker hielten dagegen, dass Straßenblockaden Unbeteiligte träfen, die keinerlei Einfluss auf Klimapolitik hätten, und dass Demokratie über Wahlen und parlamentarische Verfahren funktioniere, nicht über erzwungene Aufmerksamkeit.
Wie hart durfte der Staat reagieren?
Gerichte urteilten in den vergangenen Jahren höchst unterschiedlich: Neben zahlreichen Geldstrafen wegen Nötigung gab es auch mehrere Fälle von Freiheitsstrafen ohne Bewährung, etwa wenn Aktivisten unmittelbar nach einer Verurteilung erneut Straßen blockierten. Die Frage, ob solche Strafen verhältnismäßig sind oder eine politische Bewegung kriminalisieren, wird in der Rechtswissenschaft und der Öffentlichkeit weiterhin kontrovers diskutiert. Parallel dazu ermittelten Staatsanwaltschaften zeitweise auch wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung gegenüber Teilen der Gruppe – ein Vorwurf, der von der Bewegung selbst als Versuch der Kriminalisierung legitimen Protests zurückgewiesen wurde.
Kohleausstieg 2030 – Erfolg oder fauler Kompromiss?
Auch die energiepolitische Bewertung fällt unterschiedlich aus. Für die einen war der vorgezogene Kohleausstieg 2030 ein handfester klimapolitischer Fortschritt, der Lützerath überhaupt erst wieder in den Hintergrund rücken ließ. Für andere blieb die Opferung des Dorfes ein Symbol dafür, dass wirtschaftliche Interessen am Ende doch Vorrang vor Klimazielen erhielten.
Heute: Der Umbau der Bewegung
Die Letzte Generation selbst hat sich seit Lützerath spürbar verändert. Bereits Anfang 2024 kündigte die Gruppe an, auf Straßenblockaden weitgehend zu verzichten. Ende 2024 folgte die Ankündigung einer grundlegenden Neuausrichtung: Die Gruppe legte ihren Namen ab, weil – so die Begründung von Sprecherin Carla Hinrichs – nicht mehr sicher sei, ob die heutige Generation tatsächlich noch die letzte vor dem Überschreiten entscheidender Kipppunkte im Klimasystem ist.
Im Februar 2025 spaltete sich die bisherige Struktur in zwei neue Gruppierungen auf: die Neue Generation und das Widerstands-Kollektiv. Beide setzen auf andere Protestformen als noch 2022 und 2023. Aktionen richteten sich seither unter anderem gegen Unternehmen und Symbole, die mit rechten oder besonders vermögenden Kreisen assoziiert werden, etwa durch Farbanschläge auf Firmengebäude oder das Ablassen von Luft aus Reifen privater Fahrzeuge. Straßenblockaden im klassischen Sinn spielen dagegen kaum noch eine Rolle.
Parallel dazu ist auch die juristische Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen: Im Januar 2026 ließ das Landgericht Potsdam eine Anklage gegen fünf ehemalige Mitglieder wegen des Vorwurfs der Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie weiterer Straftatbestände zu. Das Verfahren richtet sich ausdrücklich gegen Einzelpersonen einer Teilgruppe, nicht gegen die Gesamtbewegung – ein Unterschied, der in der öffentlichen Debatte nicht immer sauber getrennt wird.
Morgen: Offene Fragen und Ausblick
Wie geht es weiter? Mehrere Entwicklungen dürften die kommenden Jahre prägen:
- Gerichtsverfahren: Der Prozess vor dem Landgericht Potsdam wird zeigen, wie deutsche Gerichte den rechtlichen Rahmen für organisierten zivilen Ungehorsam künftig ziehen. Das Urteil dürfte über den Einzelfall hinaus Signalwirkung entfalten.
- Strategiewandel: Ob sich Neue Generation und Widerstands-Kollektiv als tragfähige Nachfolgeprojekte etablieren oder eher an Sichtbarkeit verlieren, ist offen. Der Verzicht auf Straßenblockaden könnte die gesellschaftliche Akzeptanz erhöhen, aber auch die öffentliche Aufmerksamkeit verringern.
- Kohleausstieg 2030: Ob der vorgezogene Ausstiegstermin tatsächlich eingehalten wird, hängt auch von der künftigen Energiepolitik und der Versorgungslage ab. Lützerath bleibt dabei ein Referenzpunkt in der öffentlichen Erinnerung, unabhängig davon, wie die energiepolitische Debatte ausgeht.
- Gesellschaftliche Debatte: Die Grundsatzfrage, wie viel ziviler Ungehorsam eine Demokratie aushält und braucht, ist mit dem Ende der Blockaden nicht beantwortet. Sie dürfte bei künftigen Umwelt- und Klimakonflikten erneut aufflammen.
Lützerath selbst existiert nicht mehr – die Fläche ist inzwischen Teil des Tagebaus. Als Symbol aber wirkt der Ort weiter: für die einen als Mahnmal verpasster Klimachancen, für die andere als Beispiel dafür, dass Kompromisse zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit möglich sind, auch wenn sie schmerzhaft ausfallen.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Begriff „Klimakleber"?
Der Begriff bezeichnet Aktivisten, die sich mit den Händen auf Straßen oder anderen Flächen festkleben, um Verkehr oder Betriebsabläufe zu blockieren und so öffentliche Aufmerksamkeit für Klimaschutzforderungen zu erzeugen. Bekannt wurde die Methode vor allem durch die 2022 gegründete Letzte Generation.
Warum wurde Lützerath geräumt?
RWE wollte die unter dem Dorf liegende Braunkohle im Tagebau Garzweiler II fördern. Im Zuge eines Kompromisses zwischen RWE und der Landesregierung Nordrhein-Westfalen wurde der Kohleausstieg im Revier zwar auf 2030 vorgezogen, Lützerath aber dennoch zur Räumung freigegeben.
Gibt es die Letzte Generation noch?
Die Organisation unter diesem Namen hat sich Anfang 2025 aufgelöst und in zwei Nachfolgestrukturen aufgeteilt: die Neue Generation und das Widerstands-Kollektiv. Beide verfolgen andere Protestformen als die ursprüngliche Gruppe.
Sind Klimaaktivisten strafrechtlich verurteilt worden?
Ja, zahlreiche Aktivisten wurden wegen Nötigung oder Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu Geldstrafen verurteilt, in einzelnen Fällen auch zu Freiheitsstrafen ohne Bewährung. Gegen eine Gruppe ehemaliger Mitglieder wird zudem wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung verhandelt; das entsprechende Verfahren vor dem Landgericht Potsdam läuft.
Mehr zu den Hintergründen der Klimadebatte findest du auch in unseren weiteren Artikeln auf regenwald.online, etwa zu den Auswirkungen der globalen Erwärmung auf tropische Ökosysteme oder zur Rolle fossiler Energieträger im weltweiten Vergleich.
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